Basilikata · Italien

Matera: die Sassi-Stadt

Matera ist eine der ältesten durchgehend bewohnten Städte der Welt. In den Sassi, zwei ineinander verschachtelten Vierteln aus Höhlenwohnungen, leben Menschen seit Jahrtausenden. Noch in den 1950er Jahren galt die Stadt als „Schande Italiens“, heute ist sie UNESCO-Welterbe, Filmkulisse und eines der eindrucksvollsten Reiseziele Süditaliens.

Hier liest du, wie du die Sassi am besten erkundest, welche Felsenkirchen sich lohnen, wie das Übernachten in einer Grotte funktioniert und warum du unbedingt bis zum Abendlicht bleiben solltest. Dazu alles Praktische zur Anreise ab Bari.

Matera: die Sassi-Stadt
Foto: Velvet, CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • RegionBasilikata
  • UNESCO-WelterbeSassi und Felsenkirchen, seit 1993
  • AuszeichnungKulturhauptstadt Europas 2019
  • Empfohlene Dauer1 bis 2 Tage, mit Übernachtung
  • Beste ReisezeitApril bis Juni, September und Oktober
  • AnreiseBahn ab Bari, gut 1,5 Stunden

Von der „Schande Italiens“ zum Welterbe

Um Matera zu verstehen, musst du die Geschichte der Sassi kennen. Bis weit ins 20. Jahrhundert lebten hier zehntausende Menschen in Höhlen, oft ohne fließendes Wasser, ohne Strom, mit Eseln und Hühnern im selben Raum. Kindersterblichkeit und Malaria waren erschreckend hoch. Als der Schriftsteller Carlo Levi die Zustände in den 1940er Jahren beschrieb, wurde Matera zum nationalen Skandal: „la vergogna d’Italia“, die Schande Italiens.

1952 ließ der italienische Staat die Sassi per Gesetz räumen. Rund 17.000 Menschen, etwa zwei Drittel der Stadtbevölkerung, wurden in Neubauviertel umgesiedelt, die Höhlenstadt verfiel zur Geisterstadt. Erst ab den 1980er Jahren begann das Umdenken: Die Sassi wurden saniert und vorsichtig wiederbesiedelt, 1993 erklärte die UNESCO sie zum Welterbe. 2019 war Matera Kulturhauptstadt Europas. Und weil die Stadt aussieht wie Jerusalem vor 2.000 Jahren, wurde sie zur Filmkulisse: Mel Gibson drehte hier „Die Passion Christi“, später folgten unter anderem das „Ben-Hur“-Remake und der James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“.

Gut zu wissen: Diese Fallhöhe macht den Reiz aus. Du stehst in einer Stadt, die innerhalb von zwei Generationen vom Armenhaus Europas zum Sehnsuchtsort wurde. Nimm dir Zeit für die Geschichte, sonst bleiben die Sassi nur eine schöne Kulisse.

Die zwei Sassi: Barisano und Caveoso

Die Höhlenstadt besteht aus zwei Vierteln, die sich um den Felsrücken der Civita mit der Kathedrale legen. Der Sasso Barisano im Norden ist der stärker sanierte Teil: Hier sitzen viele Grotten-Hotels, Restaurants und Werkstätten. Der Sasso Caveoso im Süden wirkt ursprünglicher, mit unrestaurierten Höhlen und stillen Gassen. Beide verbindet ein Gewirr aus Treppen, Terrassen und Dächern, auf denen du oft unbemerkt über den Wohnräumen anderer läufst.

Plane einen halben Tag allein fürs Schlendern und verlaufe dich bewusst. Konkrete Anlaufpunkte: die Casa Grotta di Vico Solitario im Caveoso, eine original eingerichtete Höhlenwohnung, die das Leben vor 1952 zeigt, und der Palombaro Lungo unter der Piazza Vittorio Veneto, eine riesige unterirdische Zisterne, die das Wassersystem der Stadt erklärt.

Felsenkirchen: Kirchen im Berg

Rund 150 Felsenkirchen liegen in und um Matera, viele mit byzantinischen Fresken. In der Stadt selbst lohnen sich vor allem Santa Maria de Idris, die spektakulär auf einem Felssporn über dem Caveoso thront, und San Pietro Barisano, deren Fassade nur der Vorbau einer komplett in den Fels gehauenen Kirche ist. Ein Kombiticket für mehrere Kirchen bekommst du an den Eingängen.

Gegenüber der Stadt, auf der anderen Seite der Gravina-Schlucht, liegt der Parco della Murgia mit weiteren Höhlenkirchen und dem berühmtesten Blick auf Matera: dem Belvedere di Murgia Timone. Von dort wurden die meisten Filmpanoramen gedreht. Sportliche steigen zu Fuß durch die Schlucht hinab und auf der anderen Seite hinauf, inklusive Hängebrücke über den Bach. Rechne für den Weg hin und zurück zwei bis drei Stunden und nimm Wasser mit, es gibt unterwegs nichts.

Übernachten in der Grotte

Das eigentliche Matera-Erlebnis beginnt, wenn die Tagesgäste weg sind. Viele Höhlen sind heute zu Hotels ausgebaut, vom einfachen B&B bis zum Designhotel in einem ehemaligen Höhlendorf. Eine Grottennacht ist besonders: konstant kühle Temperaturen, absolute Stille, gedämpftes Licht, oft kein Fenster außer der Eingangsfront. Wer morgens ohne Tageslicht schwer aus dem Bett kommt, nimmt ein Zimmer mit Fensterfront.

Achtung: In die Sassi kommst du nicht mit dem Auto. Die Altstadt ist verkehrsberuhigt, es gelten ZTL-Zonen mit Kameras, und zu vielen Unterkünften führen nur Treppen. Reise mit Rollkoffer bewusst leicht an und klär vorab mit der Unterkunft, wo du parkst und wie du das Gepäck hinbekommst.

Das Abendlicht

Bleib bis zum Sonnenuntergang, unbedingt. Am späten Nachmittag färbt sich der Tuffstein goldgelb, nach Einbruch der Dunkelheit leuchten tausende warme Lichter aus den Höhlen, und Matera sieht aus wie eine lebende Weihnachtskrippe. Gute Aussichtspunkte: die Piazzetta Pascoli über dem Caveoso, der Belvedere Luigi Guerricchio an der Piazza Vittorio Veneto und die Terrasse am Convento di Sant’Agostino mit Blick über den Barisano.

Tipp: Geh die klassische Runde zweimal: einmal nachmittags im warmen Licht, einmal nach dem Abendessen, wenn die Gassen leer sind. Matera bei Nacht mit dem Sternenhimmel über der Schlucht gehört zu den stärksten Momenten einer Süditalien-Reise.

Anreise und praktische Tipps

Matera liegt in der Basilikata, wird aber fast immer mit Apulien kombiniert. Die einfachste Anreise: die Privatbahn Ferrovie Appulo Lucane ab Bari Centrale, gut 1,5 Stunden bis Matera Centrale, von dort sind es nur wenige Minuten zu Fuß bis zur Piazza Vittorio Veneto und zum Einstieg in die Sassi. Mit dem Auto parkst du außerhalb der ZTL, zum Beispiel oberhalb der Piazza Vittorio Veneto, und läufst hinein.

Feste Schuhe sind Pflicht: Die Stadt besteht aus glattem Kalkstein und Treppen. Im Hochsommer wird es sehr heiß, dann sind Morgen und Abend die besten Stunden, mittags hilft eine Pause in einer kühlen Grotte. Gut kombinieren lässt sich Matera mit Alberobello und Ostuni, beide liegen auf dem Weg Richtung Süden nach Lecce.

Fresken im Fels: worauf du achten solltest

Die Felsenkirchen sind keine Kapellen mit Steinwänden, sondern komplett aus dem Tuff herausgehauene Räume: Säulen, Kuppeln und Apsiden sind nicht gebaut, sondern stehengelassen. Viele tragen Fresken aus dem Mittelalter, in denen sich byzantinische und lateinische Bildsprache mischen, weil hier über Jahrhunderte griechische und römische Mönche nebeneinander lebten. Die Farben sind stellenweise stark verblasst, manche Wände wurden später übermalt oder von Hirten als Stall genutzt.

Wichtig für die Planung: Drinnen ist es dunkel und kühl, Blitzlicht ist meist untersagt, und einige der bedeutendsten Kirchen liegen außerhalb der Stadt und sind nur mit Führung und Voranmeldung zugänglich. Eine davon gilt wegen ihres Freskenzyklus als eine der wichtigsten Höhlenkirchen Süditaliens. Wenn dich das interessiert, kläre die Buchung, bevor du anreist, nicht erst vor Ort.

Essen und Trinken in Matera

Die Küche der Basilikata ist Cucina povera in Reinform: wenige Zutaten, viel Getreide, Hülsenfrüchte und Gemüse. Das Wahrzeichen ist das Brot von Matera, ein hoher Laib aus Hartweizengrieß mit dunkler, dicker Kruste, der tagelang haltbar ist. Aus altbackenem Brot entstehen die typischen Resteessen der Gegend, zum Beispiel eine kalte Brotsuppe mit Tomate, Zwiebel und Olivenöl.

Dazu gehören getrocknete Paprikaschoten, die kurz in Öl frittiert werden und dann knusprig auf Nudeln oder Bohnen wandern, handgemachte Pasta wie Orecchiette und Cavatelli und viel Schafskäse. Der bekannteste Rotwein der Region wächst an den Hängen des erloschenen Vulkans Vulture und ist kräftig und tanninreich, ein guter Begleiter zu Lammgerichten.

Gut zu wissen: Restaurants in den Sassi haben oft Terrassen mit Blick über die Schlucht, und dafür zahlst du mit. Wenn dir das Essen wichtiger ist als die Aussicht, geh ein paar Gassen weiter hinauf in die Oberstadt. Das Coperto pro Person ist in Italien normal und kein Aufschlag für Auswärtige.

Wie viel Zeit brauchst du?

Ein Tag: Vormittags durch den Sasso Caveoso mit einer Höhlenwohnung und Santa Maria de Idris, mittags Pause in einer kühlen Grotte, nachmittags durch den Sasso Barisano, abends zum Sonnenuntergang an einen der Aussichtspunkte. Das funktioniert, lässt aber keine Luft.

Ein Tag plus Nacht: Die klare Empfehlung. Du bekommst das Abendlicht, die leeren Gassen nach dem Essen und den Morgen, bevor die ersten Gruppen kommen. Genau in diesen beiden Randzeiten ist Matera am stärksten.

Zwei Tage: Der zweite Tag gehört der anderen Seite der Schlucht. Entweder wanderst du hinunter und auf der Murgia-Seite wieder hinauf oder du fährst außen herum. Von dort siehst du die Stadt als Ganzes im Fels hängen, dazu kommen weitere Höhlenkirchen und Zeit für den Palombaro Lungo und ein Museum in der Oberstadt.

Ehrlich: was du vorher wissen solltest

Matera ist anstrengend. Die Sassi bestehen aus Treppen, Rampen und glattem Kalkstein, Schatten gibt es kaum, und jeder Weg endet irgendwann bergauf. Mit Kinderwagen oder eingeschränkter Mobilität ist nur ein Teil der Stadt machbar, im Kern die Oberstadt und die Aussichtsterrassen an der Piazza.

Es gibt mehrere eingerichtete Höhlenwohnungen zu besichtigen, und sie ähneln sich stark. Eine reicht. Dasselbe gilt für die Rundfahrten in kleinen Motordreirädern: bequem, aber du siehst vor allem die Hauptgassen und verpasst die stillen Winkel, wegen derer du gekommen bist.

Voll wird es an Wochenenden, an Feiertagen und in der Mittagszeit, wenn Tagesgruppen von der Küste anrollen. Der Trick ist derselbe wie in Alberobello: früh, spät oder gar nicht. Und im Hochsommer heizt sich der helle Stein so auf, dass die Stunden um die Mittagszeit im Freien wenig Spaß machen.

Klima und Anreise auf einen Blick

Gerade in Matera24°Cklar
  • Wärmster MonatJuli, 33 °C
  • Kühlster MonatJanuar, 2 °C
  • Trockenster MonatJuli
  • Höhe401 m

Temperatur Tag und Nacht, in Grad Celsius

11°2°J
13°4°F
14°5°M
18°8°A
23°12°M
29°17°J
33°20°J
32°20°A
27°16°S
22°12°O
16°8°N
12°4°D

Regen Millimeter und Regentage pro Monat

51mm8 TageJ
49mm7 TageF
73mm10 TageM
43mm9 TageA
68mm10 TageM
47mm8 TageJ
15mm3 TageJ
29mm6 TageA
42mm7 TageS
54mm7 TageO
83mm10 TageN
39mm6 TageD

Entfernung ab deutschen Flughäfen

AbEntfernungFlugzeit ca.
München (MUC)936 km1 Std. 45 Min.
Stuttgart (STR)1.065 km1 Std. 55 Min.
Frankfurt (FRA)1.215 km2 Std. 5 Min.
Berlin (BER)1.322 km2 Std. 15 Min.
Köln/Bonn (CGN)1.349 km2 Std. 15 Min.
Düsseldorf (DUS)1.402 km2 Std. 20 Min.
Hamburg (HAM)1.524 km2 Std. 30 Min.

Monatswerte sind Durchschnitte der Jahre 2015 bis 2024, berechnet aus der ERA5-Reanalyse von Copernicus, bereitgestellt über Open-Meteo (CC BY 4.0). Die aktuelle Temperatur liefert das Meteorologische Institut Norwegen (CC BY 4.0). Die Flugzeit ist aus der Luftlinie geschätzt und setzt einen Direktflug voraus, nicht von jedem Flughafen gibt es eine direkte Verbindung.

Städte in der Nähe

StadtEntfernungMit dem Auto etwa
Bari55 km70 km, 0 Std. 45 Min.
Alberobello55 km70 km, 0 Std. 45 Min.
Ostuni82 km100 km, 1 Std. 15 Min.
Lecce137 km170 km, 2 Std. 0 Min.
Ravello168 km210 km, 2 Std. 30 Min.
Amalfi169 km210 km, 2 Std. 30 Min.

Entfernungen sind Luftlinie, die Fahrzeit ist aus der Straßenentfernung geschätzt und hängt von Route und Verkehr ab.

Häufige Fragen

Wie viele Tage braucht man für Matera?

Ein voller Tag reicht für die Sassi, eine Felsenkirche und die Aussichtspunkte. Deutlich besser ist eine Übernachtung: Dann erlebst du das Abendlicht und die leeren Gassen am Morgen, bevor die Tagesbusse kommen. Wer auch den Parco della Murgia auf der anderen Seite der Schlucht erwandern will, plant zwei volle Tage ein.

Lohnt sich das Übernachten in einer Grotte?

Ja, mindestens für eine Nacht. Grotten-Zimmer sind still, angenehm kühl und stimmungsvoll, das Erlebnis passt perfekt zur Stadt. Bedenke aber: Viele Höhlen haben außer der Eingangsfront kein Fenster, und zur Unterkunft führen oft Treppen. Reise mit leichtem Gepäck an und frag vorab nach Parkplatz und Gepäcklogistik.

Wie kommt man von Bari nach Matera?

Mit der Privatbahn Ferrovie Appulo Lucane ab Bari Centrale, die Fahrt dauert gut 1,5 Stunden. Wichtig: Die Züge fahren von einem eigenen Bahnhofsteil und sonntags stark eingeschränkt, dann fahren meist Busse. Mit dem Mietwagen brauchst du etwa eine Stunde und parkst außerhalb der verkehrsberuhigten Altstadt.

Warum galt Matera als „Schande Italiens“?

Bis in die 1950er Jahre lebten zehntausende Menschen in den Höhlen der Sassi, oft ohne Wasser, Strom und Abwasser, zusammen mit ihren Tieren. Krankheiten und Kindersterblichkeit waren extrem hoch. Nach landesweiter Empörung ließ der Staat die Sassi 1952 räumen. Erst Jahrzehnte später wurden sie saniert und 1993 UNESCO-Welterbe.

Welche Filme wurden in Matera gedreht?

Matera doubelt regelmäßig als antikes Jerusalem: Am bekanntesten sind „Die Passion Christi“ von Mel Gibson und das „Ben-Hur“-Remake. Auch die spektakuläre Eröffnungssequenz des James-Bond-Films „Keine Zeit zu sterben“ entstand in den Sassi. Viele Drehorte erkennst du beim Bummel wieder, besonders rund um den Sasso Caveoso.

Ist Matera anstrengend zu Fuß?

Ja, deutlich. Die Sassi bestehen fast nur aus Treppen, Rampen und glattem Kalkstein, Schatten ist selten und jeder Rückweg führt bergauf. Feste Schuhe mit Profil sind Pflicht, Wasser ebenso. Mit Kinderwagen oder Rollstuhl bleiben vor allem die Oberstadt und die Aussichtsterrassen an der Piazza Vittorio Veneto, und die lohnen sich auch.